Eine neue Oper von Matthias Pintscher

Das kalte Herz

Nach Motiven aus dem Märchen von Wilhelm Hauff

erzählt von Daniel Arkadij Gerzenberg.

Foto © Maximilian Semlinger

Staatsoper 
Unter den Linden
 

Freude bei den Proben in Berlin: 

Daniel Arkadij Gerzenberg, Matthias Pintscher, James Darrah

Premiere: Sonntag, 11. Januar

Foto © Bernd Uhlig

Samuel Hasselhorn

Foto © Bernd Uhlig

Stille ist mein Gebet

Impressionen zu Matthias Pintschers Oper "Das kalte Herz" 

Ein schlichtes Lied wird in der Oper „Das kalte Herz“ zu einem emotionalen Trigger. Mit naiv anmutender Intimität trifft der Bariton Samuel Hasselhorn jene Sehnsucht nach Stille, die uns oft fast zerreißt. Mit dieser Stimme sprengt Peter – dem sein Herz entrissen und gegen ein Herz aus Stein eingetauscht wird – die Mauern, die wir uns mühsam Tag für Tag bauen gegen das brutal übergriffige Dröhnen der medienverstärkten Mäuler, die die Erde ohne Rücksicht auf Verluste ausbeuten und die Welt unter sich aufteilen, als sei es ihre. Ein Kind und eine alte Frau eröffnen die Oper, damit sind Verletzbarkeit und Sorge um die Zukunft als Thema durchweg als Thema gesetzt.

Matthias Pintschers Musik hat seine detailverliebten Klangräume – die in ihrer geräuschhaften Ästhetik unserem Alltag nahe sind und in ihren sinnlichen Ausfärbungen das Herz berühren – großflächig vertieft und erweitert, nicht zuletzt durch Anmutungen an Richard Wagners vollmundige Orchesterklänge und Olivier Messiaens leuchtende Turangalila-Glocken. Die Töne, Melodien, Cluster und rhythmische Patterns, sind physisch bis in die letzten Reihen zu spüren, besonders in Bassklarinetten, Tuben und großem Blech. Für die 110 Minuten der Opernaufführung reißt Matthias Pintscher damit unsere inneren Mauern gegen das brutal übergriffige Dröhnen der täglichen Nachrichten nieder und öffnet uns den Zugang zu unseren inneren Räumen, in denen wir unsere Gefühle verbergen, um uns zu schützen.

Die Musik ist uns fremd und zugleich vertraut. In ihrer subtil aufgeladenen Emotionalität wird sie zum Klang unserer Seele, einer Seele, die dieser hier in Musik gesetzten Bedrohungslage entkommen will. Im hingebenden Hören erkennen wir: Unsere Machtlosigkeit wird nicht zur Schwäche, sondern zum Bewusstsein unseres Menschseins. Matthias Pintscher beherrscht die Register der geheimnisvollen Wirkungen von Musik. Sein Ton besitzt philharmonische Tragweite und damit fühlbare Präsenz. Die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle Berlin haben die Herausforderungen angenommen. Sie kennen Pintschers Sprache und verwandeln sie empathisch in etwas geheimnisvoll Anziehendes.

Daniel Arkadij Gerzenberg hat das Libretto bewusst offen gestaltet. Er zwingt uns keine Lesart auf. Er lädt uns dazu ein, Motive aus verschiedenen Quellen aufzugreifen und ihnen auf persönliche Art nachzugehen: Da sind die Motive aus dem Märchen von Wilhelm Hauff, der Totenkult aus der altägyptischen Mythologie oder das Bewusstsein, dass der Mensch als Teil der Natur Verantwortung für sie trägt – all das ist hier im Kern angelegt. Und genau darin liegt eine große Stärke dieser Oper.

Dass Motive aus dem Märchen „Das kalte Herz“ den Ausgangsimpuls für das Libretto bildeten, wird in der Inszenierung assoziativ weitergedacht. In der Regie von James Darrah Black (u.a. gefeiert in L.A. als Regisseur, der mit seinen digitalen Opernfilmen berührende Intimität herstellt) entstehen gemeinsam mit Anderson Nunnelley Bilder, die psychologische Deutungen verlangen. Das von Adam Rigg entworfene Bühnenbild und die Kostüme von Molly Irelan schaffen Figuren und Räume, die unsere Fantasie provozieren: Klara, die Freundin des Protagonisten Peter, erscheint mal als Cinderella und mal als moderne Businessfrau – getragen von einer emotional aufgeladenen, schlank geführten Sopranstimme von Sophia Burgos. Die 30 toten Wölfe, die quer über die Bühne hängen und den schönen Wald in den Schatten stellen, lassen sich nicht übersehen. Man kann das Bild als poetisch-fantasievolle Version eines Plakates mit dem Wort „Klimaschutz“ lesen.

Peters Mutter, stimmlich dunkel, kräftig gestaltet von Katarina Bradić, im Erscheinungsbild mal sorgende Frau, mal bedrohliche „Königin der Nacht“ – eine Figur, die Unheil bringt, denn sie gibt das Herz ihres Sohnes preis.

Wie ein Mantra wirkt das wiederholte Nachdenken über das kalte Herz: Peters Gefühle spiegeln sich in den unterschiedlichsten Begegnungen mit den Frauen, wobei die Musik – die Waldszenen ohne Text – gezielt Raum gibt, diese inneren Bewegungen weiterzutragen, sie in uns wirken zu lassen.

Figuren aus der Mythologie bieten Wege in verschiedene Deutungsebenen des Bühnengeschehens. Als Auserwählter, gezeichnet mit dem Kainsmal, erwartet Peter die altägyptische Gottheit Anubis, von der er sich eine Befreiung von seinen inneren Schmerzen erhofft. Als Begleiterin gibt sie den Toten Weisungen aus dem altägyptischen Totenbuch auf den Weg. Rosie Aldridge macht mit ihrer kräftigen emotional leuchtenden Stimmfärbung und lebendigen Darstellung der Anubis das Thema Tod unausweichlich präsent.

Eine weitere Gestalt aus der Mythologie ist der Wüstendämon Azaël. Mit fast aggressiver, radikaler Energie gibt Sunnyi Melles der Figur durch ihre markante, alles durchdringende Theaterstimme ein groteskes Profil – mit einer wunderbar toxischen Mischung aus Verführung und Charme. Zur Erlösung der heidnischen Götter braucht Azaël – der Tradition folgend – ein menschliches Herz. Als exzellenter Verführer macht er Peters Mutter plausibel, sie handle im Interesse ihres Sohnes, wenn sie sein Herz opfert.

In Matthias Pintschers Musik verschmelzen Realität und Wahn, Logik verblasst, an ihre Stelle tritt nach und nach eine emotional gefühlte Wahrheit. „Das kalte Herz“ ist eine Oper,  die nicht erzählt, sondern erfahrbar macht. Der Ton wird stark gesetzt von Samuel Hasselhorn, der mit warmer, kraftvoller Baritonstimme zwischen Verletzlichkeit und heldenhafter Stärke überzeugend die Hauptfigur in unser Leben stellt, und Sängerinnen, die ihre Rollen mit Leidenschaft und Hingabe wie emotionale Sprengkapseln auf die Bühne bringen. Überzeugen kann diese Oper nicht zuletzt, weil jede Musikerin und jeder Musiker der Staatskapelle Berlin dieser bitteren Erkenntnis um die kalten Herzen in unserer Gesellschaft Präsenz gibt – herausgefordert vom Komponisten selbst am Pult: Matthias Pintscher.

Ein Mantra hat sich wie ein kleiner Widerhaken in unseren Gedanken festgesetzt: 

Stille ist mein Gebet.
 

 

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